Neue Luzerner Zeitung, 13. Januar 1998
URS BUGMANN
Bruno Murer
Mitten in der Wirklichkeit
Sieben grossformatige …lmalereien, dreimal mit
dem Titel ãLidschlag: Frau und
Mann und HimmelsgewšlbeÒ, zweimal mit ãLidschlag: HimmelsgewšlbeÒ Ÿberschrieben
und einmal ãLidschlag: Waldweg – HimmelÒ, sind in der Galerie Partikel
unprŠtentišs, mit klarer Geste an je zwei gegenŸberliegende WŠnde gehŠngt. Es
sind kraftvolle Malereien, doch ohne jede wilde AttitŸde, Bilder voller
FarbintensitŠt, die Farbe mehrschichtig pastos
aufgetragen und daneben mit der differenzierten Leuchtkraft feiner
Pastellabstufungen. Aus der NŠhe springt die MaterialitŠt ins Auge, eine
Farbdynamik, die das Licht zu packen und in den Farbwert zu zwingen scheint,
ein Wechselspiel zwischen Ruhe und Unruhe, die Farbe nicht als Bestand, sondern
als Formung.
lm Bildgeschehen
Ein Gleiches gilt von den Fragmenten figurativer Formen, von
Menschengestalten, Kšpfen, Kšrperteilen, von BŠumen, Landschaften, die sich aus
der Distanz erkennen lassen. Was auf der Netzhaut im Augenblick des Lidschlags
sich zu festigen beginnt, das halten diese Bilder in dramatischer MehrperspektivitŠt
fest - und lassen doch das Abbild nie erstarren . Immer neu formt die
Vorstellung das Bild, das mit seinen Augenpunkten den Betrachter nicht
abweisend in die Distanz rŸckt, sondern ihn hineinzieht ins Bildgeschehen.
Der Mensch, wie er sich in seiner Umgebung verhŠlt, wie er Gestalt annimmt
durch seine BezŸge zu Erde, Luft und Himmel, wie er Individuum wird und
GeschlechtsidentitŠt annimmt zwischen Frau und Mann, vefŸhrt
wie verfŸhrend, wie sich Welt und Menschenpaar im Nukleus des Augapfels, diesem
verkleinerten Abbild des Himmelsgewšlbes, spiegeln - davon erzŠhlen diese werdenden Bilder, die nicht unfertig sind oder unvollstŠndig, nur nicht beruhigt und keinesfalls statisch. Es sind Weltbilder, und in ihrer
vertikalen Ausrichtung bieten sie sich an als SpiegelflŠchen, die den Schatten des Betrachters
aufnehmen, ihn hineinformen ins Bild.
Sind es in der Luzerner Galerie Partikel die Elemente Luft und Erde, zu denen Frau und Mann in Bezug stehen - in ÒWaldweg - HimmelÒ sind sie benannt – ist es in der Megger Gemeindegalerie Benzeholz am Seeufer das Wasser
Von offenen, vom Gitter gekreuzten Durchblicken auf die SeeflŠche links und
rechts umgeben, hŠngt im Erdgeschoss nur ein einziges Bild "Lidschlag, Adam-Kadmon, Wasser und HimmelÒ, das den ersten Menschen im
Werden, noch nicht von Erde behaftet, aus den lichten Elementen geformt, im schšpferischen
Lidschlag sichtbar macht. Im Dachgeschoss entspricht diesem einzelnen Bild das
im Lidschlag wahrgenommene ãGesicht der SchwimmerinÒ.
Andauernder Augenblick
Sechs Bilder im Querformat zeigen im Mittelgeschoss den Schwimmer. Der
Lidschlag formt aus dem Licht das Auge, aus dem Auge das Gesicht, daraus den Kšrper,
der sich in der Elementarmaterie bewegt, von ihr geformt wird, sich mit dem
Element verbindet und darin wirklich wird.
Bruno Murer versteht seine Malerei nicht als Distanznahme, als Darstellung
eines Gegenstands. Malen ist ihm Ausdruck und Gestaltung des Seins in der Welt
und in ihren Dingen. Selbstverlorenheit und im Gegenzug Wirklichwerden im
Wahrnehmen, im Nachschaffen des Bildes, fordern diese Bilder auch vom
Betrachter. Sie bieten ihm dafŸr die IntensitŠt einer Wirklichkeitserfahrung,
die andauern lŠsst, was fŸr gewšhnlich im Augenblick des Lidschlags nur wird sogleich
wieder verschwindet.